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Industrie · Legacy-Software für Industrieöfen · Dez 2024 – Jun 2025
Für Ebner Industrieofenbau haben wir als UX/Product Design Lead die Modernisierung einer Legacy-Software für Fachnutzer geführt: erst Produkt- und Informationsarchitektur, dann User Flows, High-Fidelity-Konzepte und die Richtung für ein Design-System. Herausgekommen sind umsetzungsreife Konzepte, in denen sich erfahrene Nutzer wiederfinden — statt einer Oberfläche, die nur neuer aussieht.
Ebner Industrieofenbau, Hersteller von Industrieöfen für die Wärmebehandlung von Metallen mit Sitz in Leonding (Österreich), betreibt eine über Jahre gewachsene Fachsoftware für technische Expertennutzer. Von Dezember 2024 bis Juni 2025 hat Beabstracto als UX/Product Design Lead die Modernisierung dieser Legacy-Software geführt: Produktarchitektur, Informationsarchitektur und User Flows für komplexe operative Abläufe, High-Fidelity-Konzepte, Interaktionsmuster und die Richtung für ein Design-System — dazu die fachliche Führung eines weiteren Designers. Das Ergebnis sind umsetzungsreife Konzepte, die klarer und konsistenter sind, ohne die fachliche Tiefe, die Terminologie und die Arbeitsweise der Nutzer zu verlieren.
Für Maschinen- und Anlagenbauer ist das die typische Ausgangslage: Die Software ist fachlich richtig, aber schwer zu überblicken, und ein Neubau ohne Rücksicht auf die Nutzer wäre teuer und für Bestandskunden riskant. Dieser Case zeigt, wie Modernisierung gelingt, wenn Struktur vor Screens kommt und das Expertenwissen der Nutzer als Anforderung gilt, nicht als Hindernis.
Wo stand das Produkt? Bei einer Software, die fachlich trägt und über Jahre mit den Anlagen gewachsen ist — und genau deshalb schwer zu modernisieren war.
Ebner Industrieofenbau baut Industrieöfen für die Wärmebehandlung von Metallen. Diese Software ist ein B2B-Produkt für Experten: Wer damit arbeitet, kennt den Prozess, die Begriffe und die Konsequenzen einer falschen Eingabe.
Die Nutzer sind keine Gelegenheitsanwender. Es sind Fachleute mit Erfahrung an der Anlage und im Prozess, für die die Software ein Arbeitswerkzeug ist, kein Erlebnis. B. Anlagenbediener, Inbetriebnahme, Service, Prozessingenieure — mit Thiago bestätigen]]
Die Software war über Jahre gewachsen. Funktionen kamen dort hinzu, wo sie gebraucht wurden; die Struktur ergab sich aus der Historie, nicht aus einem Entwurf. Für erfahrene Nutzer funktionierte das, weil sie wussten, wo etwas liegt. Für den Hersteller wurde es schwieriger: Jede neue Funktion warf die Frage auf, wo sie hingehört, die Oberfläche war je nach Entstehungszeit unterschiedlich, und eine Modernisierung konnte nicht einfach „neues Design über alte Struktur“ bedeuten.
Auf dem Spiel stand mehr als Optik. Eine Modernisierung, die die Erwartungen der Fachnutzer verfehlt, kostet Vertrauen bei genau den Kunden, die die Anlagen betreiben. Deshalb lautete der Auftrag an Beabstracto nicht „Screens neu zeichnen“, sondern: die Richtung für die Modernisierung definieren, die Struktur des Produkts klären, High-Fidelity-Konzepte liefern, zur Produktarchitektur beitragen, die Design-System-Arbeit führen — und die Arbeit eines weiteren Designers im Projekt anleiten und reviewen.
Was war das Problem? Nicht fehlende Funktionen, sondern eine Struktur, die man sich merken musste, statt sie zu sehen — und die Gefahr, bei der Modernisierung genau das zu verlieren, was die Software für Experten wertvoll macht.
Das Produkt war dort gewachsen, wo Bedarf entstand. Es gab keine explizite Antwort auf die Frage, welche Bereiche, Objekte und Begriffe das Produkt tragen. Erfahrene Nutzer kompensierten das mit Gewohnheit; für neue Kollegen und für jede neue Funktion fehlte der Ort, an dem sie hingehören.
Komplexe operative Workflows liefen quer durch das Produkt. Nutzer kamen ans Ziel, aber über Wege, die Vorwissen voraussetzten. Jeder Schritt, der nur mit Erfahrung funktioniert, ist eine Hürde in der Einarbeitung und eine Fehlerquelle unter Zeitdruck.
Gleiche Dinge sahen an verschiedenen Stellen unterschiedlich aus, weil sie zu verschiedenen Zeiten entstanden waren. Für Nutzer heißt das, an jeder Stelle neu zu lernen, wie das Produkt reagiert. Für die Entwicklung heißt es: kein wiederverwendbares Vokabular, jede Komponente eine Einzelentscheidung.
Jede Modernisierung hat die Versuchung, zu vereinfachen. Für Fachnutzer, die die Tiefe brauchen, ist eine „aufgeräumte“ Oberfläche ohne ihre Begriffe und Sonderfälle keine Verbesserung, sondern ein Verlust. Die eigentliche Frage lautete, wie moderner Aufbau und fachliche Vollständigkeit zusammenpassen.
Stakeholder und Entwicklung brauchten mehr als Prinzipien und grobe Skizzen, um über die Modernisierung zu entscheiden und sie zu bauen. Eine Richtung, die nur in Dokumenten existiert, wird im Projektalltag nicht umgesetzt — sie wird diskutiert.
Mit einem weiteren Designer im Projekt mussten Qualität und Konsistenz über Personen hinweg gehalten werden, ohne dass jedes Review zum Flaschenhals wird. Das verlangt klare Regeln, nicht nur Geschmack.
Wie sind wir vorgegangen? Struktur zuerst, Screens danach — und von Anfang an in enger Abstimmung mit Stakeholdern, Entwicklern und dem zweiten Designer im Projekt.
Am Anfang stand kein Entwurf, sondern Zuhören: Wie läuft die Wärmebehandlung ab, welche Begriffe benutzen die Fachleute, welche Abläufe bildet die bestehende Software ab, und was erwarten erfahrene Nutzer von ihr? Dafür haben wir mit Stakeholdern und Entwicklern gearbeitet und die bestehende Software systematisch durchgegangen.
Bevor eine Oberfläche gezeichnet wurde, haben wir mit dem Team definiert, wie das Produkt aufgebaut sein soll: welche Bereiche es gibt, welche Objekte und Begriffe sie tragen und wie komplexe operative Abläufe darin Platz finden. Das ist der Schritt, den Modernisierungen am häufigsten überspringen — und der entscheidet, ob neue Funktionen später einen Ort haben oder wieder angebaut werden.
Auf der Architektur aufbauend haben wir die Informationsstrukturen und die User Flows für die operativen Kernaufgaben ausgearbeitet: Wo beginnt ein Ablauf, welche Informationen braucht der Nutzer in welchem Schritt, wo fallen Entscheidungen, wo liegen Sonderfälle. Ziel war, dass sich Nutzer klarer orientieren und ihre Aufgaben mit weniger Reibung abschließen — mit denselben Fachbegriffen wie bisher.
Die Modernisierungsrichtung haben wir in detaillierten High-Fidelity-Konzepten ausgearbeitet, damit Stakeholder und Entwicklung nicht über Prinzipien, sondern über ein greifbares Produkt entscheiden konnten. Die Konzepte zeigten, wie moderner Aufbau und fachliche Tiefe zusammengehen, und dienten der Entwicklung als Referenz für die Umsetzung.
Parallel haben wir wiederkehrende Interaktionsmuster herausgearbeitet und die Grundlagen für ein Design-System gelegt: Komponenten, Zustände und Regeln, die über das ganze Produkt gleich funktionieren. Damit bekommt die Oberfläche Konsistenz und das Entwicklungsteam ein Vokabular, das es ohne Rückfrage wiederverwenden kann. Als Orientierung dienten uns die Prinzipien von ISA-101 und VDI/VDE 3699 für Bedienoberflächen in der Prozessführung sowie die Arbeiten der Nielsen Norman Group zu komplexen Anwendungen — als Referenz für gute Praxis, nicht als Zertifikat.
Wir haben die Arbeit eines weiteren Designers im Projekt angeleitet und reviewt, damit Qualität, Konsistenz und Produktrichtung über Personen hinweg gleich blieben.
Was ist dabei herausgekommen? Eine neu strukturierte Produkterfahrung mit klaren Flows, konsistenten Mustern und umsetzungsreifen Konzepten. Wir bewerten das Ergebnis an dem, was Stakeholder und Entwicklung damit anfangen konnten; Nutzungskennzahlen aus dem Betrieb liegen uns nicht vor, deshalb nennen wir keine.
| Aspekt | Vorher | Nachher |
|---|---|---|
| Produktstruktur | Aus der Historie gewachsen; man musste wissen, wo etwas liegt | Explizite Produkt- und Informationsarchitektur mit klaren Bereichen, Objekten und Begriffen |
| Operative Abläufe | Über Wege, die Vorwissen voraussetzten | Definierte User Flows für die Kernaufgaben; Entscheidungen und Sonderfälle sichtbar |
| Oberfläche | Uneinheitlich, je nach Entstehungszeit | Wiederkehrende Interaktionsmuster und Grundlagen für ein Design-System |
| Fachbegriffe und Tiefe | Vorhanden, aber bei jeder Modernisierung gefährdet | Bewusst erhalten; modernisiert wurden Struktur und Darstellung, nicht der Fachinhalt |
| Entscheidungsgrundlage | Prinzipien, Einzelmeinungen, grobe Skizzen | High-Fidelity-Konzepte, über die Stakeholder und Entwicklung konkret entscheiden konnten |
Das Produkt hat jetzt eine ausgesprochene Struktur, die vor der Interface-Arbeit definiert wurde. Neue Funktionen haben einen Ort, an den sie gehören, und die Oberfläche folgt der Struktur statt umgekehrt.
Die operativen Kernabläufe sind als User Flows definiert, mit den Fachbegriffen, die die Nutzer kennen. Orientierung und Konsistenz haben sich verbessert, ohne dass die fachliche Tiefe reduziert wurde — das war die eigentliche Bedingung des Projekts.
Wiederverwendbare Muster und die Grundlagen eines Design-Systems geben dem Produkt eine gemeinsame Sprache und machen künftige Erweiterungen konsistenter und günstiger.
Die Arbeit eines weiteren Designers wurde geführt und reviewt, sodass Qualität und Produktrichtung über das ganze Projekt gleich blieben — eine Rolle, die Beabstracto auch in größeren Teams übernimmt.
Der wertvollste Schritt war nicht das neue Design, sondern die Antwort auf die Frage, wie das Produkt aufgebaut sein soll. Wer bei einer Legacy-Software direkt mit Screens beginnt, modernisiert die Oberfläche einer Struktur, die niemand entworfen hat. Wer mit der Architektur beginnt, bekommt Screens, die sich erklären, und einen Ort für alles, was noch kommt.
Die Versuchung, Begriffe „verständlicher“ zu machen, ist bei Expertenprodukten groß — und fast immer falsch. Die Terminologie ist die Sprache, in der Nutzer, Service und Engineering miteinander arbeiten. Modernisierung heißt, diese Sprache sauber zu strukturieren und konsistent darzustellen, nicht sie zu ersetzen.
Für Fachnutzer ist Tiefe kein Komplexitätsproblem, sondern der Grund, warum sie das Werkzeug benutzen. Die richtige Frage ist nicht „Was können wir weglassen?“, sondern „Was muss in welchem Schritt sichtbar sein, damit die Entscheidung sicher fällt?“. Weniger Reibung entsteht durch bessere Reihenfolge und klarere Zustände, nicht durch weniger Funktion.
Prinzipien erzeugen Zustimmung, aber keine Entscheidung. Erst als die Modernisierungsrichtung als detailliertes Konzept auf dem Tisch lag, konnten Stakeholder und Entwicklung konkret sagen, was passt und was nicht. Das kostet früh mehr Aufwand und spart später die Diskussionen, die Projekte zum Stehen bringen.
Ein zweiter Designer im Projekt ist ein Gewinn, wenn Konsistenz nicht an Reviews hängt, sondern an gemeinsamen Mustern. Die Design-System-Grundlagen waren deshalb nicht nur ein Produktartefakt, sondern auch das Werkzeug, mit dem zwei Personen in einer Richtung arbeiten konnten.
Wir hören zu, verstehen die Domäne und sagen ehrlich, ob Struktur zuerst oder Neubau der richtige Weg ist.
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